Emil oder Ueber die Erziehung by Jean-Jacques Rousseau

Emil oder Ueber die Erziehung by Jean-Jacques Rousseau

Autor:Jean-Jacques Rousseau [Rousseau, Jean-Jacques]
Die sprache: deu
Format: epub
veröffentlicht: 2013-11-06T05:00:00+00:00


Sei es trotzdem gewagt! Eifer und Aufrichtigkeit haben mir bisher die Klugheit ersetzt. Ich gebe mich der Hoffnung hin, daß mich diese Bürgen im Nothfalle nicht verlassen werden. Leser, fürchtet von mir keine Vorsichtsmaßregeln, die eines Wahrheitsfreundes unwürdig wären. Ich werde meines Wahlspruchs stets eingedenk bleiben, aber man muß mir vergönnen, in mein eigenes Urtheil Mißtrauen zu setzen. Anstatt euch meine eigenen Gedanken darüber zu entschleiern, will ich euch erzählen, was ein Mann dachte, der mich um Vieles übertraf. Ich stehe für die Wahrheit der Thatsachen ein, die ich hier mittheilen will; sie sind dem Verfasser der schriftlichen Aufzeichnung, die ich abzuschreiben gedenke, wirklich zugestoßen. Eure Sache ist es nun, zu sehen, ob sich daraus nützliche Betrachtungen über den Gegenstand, um den es sich hier handelt, ziehen lassen. Weder eines Anderen noch meine eigene Ansicht stelle ich euch als maßgebende Richtschnur auf; ich wünsche sie euch lediglich zur Prüfung vorzulegen.

»Es sind dreißig Jahre her, daß ein junger Mann, der fern von seinem Vaterlande lebte, in einer Stadt Italiens in das äußerste Elend gerieth. Er war im Schooße des Calvinismus geboren, wechselte indeß, da er in Folge einer Unbesonnenheit hatte die Flucht ergreifen müssen und sich nun in einem fremden Lande ohne alle Hilfsmittel sah, seine Religion, um sich dadurch seinen Unterhalt zu verschaffen. Es befand sich in dieser Stadt ein Hospiz für Proselyten, und in dieses wurde er aufgenommen. Während man ihn über die Unterscheidungslehren unterrichtete, rief man Zweifel in ihm wach, die er vorher nicht gehabt hatte, und lehrte ihn das Böse kennen, das ihm bis dahin fremd gewesen war. Er hörte neue Dogmen, sah aber gleichzeitig Sitten, die ihm noch neuer waren. Er sah sie und wäre beinahe ihr Opfer geworden. Er wollte fliehen, aber man sperrte ihn ein; er beschwerte sich, man bestrafte ihn für seine Beschwerden. Der Willkür seiner Tyrannen Preis gegeben, sah er sich als Verbrecher behandelt, weil er nicht hatte in die Sünde willigen wollen. Wer da weiß, in wie hohem Grade die erste Gewalttätigkeit und Ungerechtigkeit, die einem jungen, unerfahrenen Herzen zugefügt wird, dasselbe aufzuregen vermag, kann sich eine Vorstellung von dem Zustande machen, in welchen das seinige versetzt wurde. Thränen der Wuth stürzten ihm aus den Augen, der Unwille drohte ihn zu ersticken; Himmel und Erde bestürmte er mit seinen Bitten; er vertraute sich Jedermann an und doch fand er bei Niemandem Gehör. Seine Augen vermochten Niemand zu entdecken als feile Diener, die völlig von jenem Niederträchtigen, der ihn so schimpflich behandelte, abhängig waren, oder Thäter der ihm zugemutheten Sünde, die sich über seinen Widerstand lustig machten und ihn aufforderten, ihnen nachzuahmen. Ohne einen redlichen Geistlichen, der wegen irgend einer Angelegenheit das Hospiz besuchte, und den er Mittel fand im Geheimen um Rath zu fragen, wäre er verloren gewesen. Der Geistliche war arm und bedurfte selbst aller Welt Hilfe; aber der Unterdrückte hatte seiner in noch höherem Grade nöthig, und er trug keinen Augenblick Bedenken, seine Flucht zu befördern, selbst auf die Gefahr hin, sich dadurch einen gefährlichen Feind zuzuziehen.«

»Dem Laster war er nun zwar entronnen, aber nur um von Neuem in Mangel zu gerathen.



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